10 Unter welchen Aspekten sind die beson- deren Planungsanforderungen an die Produktionshalle zu sehen? Martin Palmer, Leiter Umweltrefe- rat/Arbeitssicherheit bei Hettich: Im Rahmen der Hettich Markenwerte ver- pfl ichten wir uns neben der Qualität insbesondere zu Innovation, Kunden- nähe und Zuverlässigkeit. Viele un- serer Kunden legen großen Wert auf nachweisbar umweltentlastend herge- stellte Produkte. Neben unseren Um- weltschutzgrundsätzen setzt hier der Managementsystemprozess Energie- und Stoffstrommanagement, welcher die umweltentlastenden Abläufe steu- ert, an. Im Rahmen unserer langjähri- gen Beteiligung am weltweit strengsten Umweltmanagementsystem (EMAS) sind wir speziell verpfl ichtet, unsere wesent- lichen Umweltaspekte zu identifi zieren und zu bewerten. Diese Bewertung ver- mittelt uns die große Umweltbedeut- samkeit des Energieverbrauches im Rah- men unserer wirtschaftlichen Tätigkeit. In welchem Zusammenhang stehen die bautechnischen Anforderungen der neuen Fertigungshalle mit dem Hettich Forum, welches 2009 mit dem ersten na- tionalen Green Building Award der Euro- päischen Union ausgezeichnet wurde? Martin Palmer: Anhand der wirtschaft- lich erreichten, weit überdurchschnittli- chen ressourcen- und energieschonen- den Eigenschaften des Hettich Forum als Nullenergiegebäude galt es nun zu zeigen, welcher Nachhaltigkeitsge- bäudestandard bei diesem Neubau wirt- schaftlich vernünftig erreichbar ist. Auf- grund seiner inneren Wärmelasten stellt eine Fertigungshalle eine differenzierte Planungssituation im Vergleich zu einem Ausstellungs- und Bürogebäude dar. Trotzdem gelten aber auch hier diesel- ben grundsätzlichen Planungsprinzipen. Wodurch zeichnet sich Ihr innovativer Planungsansatz aus? Dietmar Riecks, Architekt: Als Archi- tekten verstehen wir uns nicht als Ar- chitektonische Designer, sondern als Moderator zwischen den technischen Disziplinen des Bauens. Dadurch ergibt sich im Rahmen des integralen Pla- nungsprozesses der wesentliche Ansatz der Gestaltfi ndung. Die technischen Dis- ziplinen des Bauens, wie Tragwerkspla- nung, Energietechnik, Bauphysik bis zum Brandschutz bearbeiten wir im integra- len Planungsteam mit den beteiligten Fachingenieuren von den ersten Kon- zeptüberlegungen an. Das Zusammen- tragen der individuellen Kompetenzen führt in der Summe zum leistungsfähi- geren Ergebnis. An den Schnittstellen der technischen Disziplinen zueinander sehen wir daher das größte Innovations- potenzial beim Bauen. Welche besondere Bedeutung hat das nachhaltige Baukonzept der neuen Ferti- gungshalle für Sie? Martin Palmer: Gebäude haben eine Nutzungszeit von weit mehr als 40 Jah- ren. Somit haben auch unnötig hohe Be- triebskosten eines Gebäudes über diese langen Zeiträume jährlich eine negative Wirkung auf das Betriebsergebnis. Spe- ziell hinsichtlich der zu erwartenden Energiekostenentwicklung über derart lange Zeiträume verbirgt sich unter die- sem Aspekt eine betriebswirtschaftliche Zeitbombe. Erinnert sei an dieser Stelle an den, derzeit auch öffentlich themati- sierten, Peak-Oil-Effekt, mit dem eine drastische Energiepreissteigerung ein- hergehen wird. Heute lediglich nach den gesetzlichen Vorgaben (EnEV) gebaute Gebäude werden in absehbarer Zeit zur dramatischen Kostenfalle für die Bau- herren! Wie sieht der Betriebskostenvorteil die- ses Gebäudekonzeptes konkret aus? Sven Oßenbrink, Leiter Facility Ma- nagement bei Hettich: Um diese Fra- ge beantworten zu können, muss man sich die aktuellen Berechnungen anhand der Energieeinsparverordnung (EnEV) an- sehen. Diese lässt im konkreten Fall ei- nen maximalen Jahresprimärenergiever- brauch von 310 kWh/qm zu. Der Neubau hat einen Jahresprimärenergieverbrauch von 74 kWh/qm. Das bedeutet eine Un- terschreitung der gesetzlichen Anforde- rung um 75 Prozent. Bei einer Gebäu- degröße von 14.000 qm ist dies eine Reduktion der jährlichen Betriebskosten um 264.000 Euro, wenn man 8 ct/kWh im Mix von Strom und Wärmeenergie zugrunde legt. Eine Gebäudenutzung von 40 Jahren ergibt dann eine Betriebs- kostenersparnis von 10.580.000 Euro, unverzinst und ohne Energiepreissteige- rung. Und nun stellen Sie sich beliebige Energiepreissteigerungsszenarien vor. Liegen die Kosten für solche vorbildlich ressourcenschonenden Gebäude nicht weit über den üblichen Baukosten? Dietmar Riecks: Wir entwickeln ener- gieoptimierte Projekte auf der Basis einfacher, technischer Konstruktions- prinzipien, mit optimiert ausgelegten technischen Anlagensystemen. Ener- gieoptimierte Gebäude zu bauen heißt zunächst, durch hochleistungsfähige Wärmedämmung, die Reduktion von Wärmeverlusten des Hauses im Winter zu erreichen. Für den Sommerfall wird ergänzend, durch die Reduktion des Ver- glasungsanteils der Fassade, und damit der Reduktion der solaren Einstrahlung, der energetische Bedarf zur Kühlung verringert. Zusätzlich können ergänzend Abschattungssysteme zum Einsatz kom- men. So braucht man weniger Heizener- gie im Winter und zur Deckung des Kühl- bedarfs weniger Energie im Sommer. Die Reduktion der thermischen Lasten führt ebenso zu Vorteilen bei den notwendigen energietechnischen Anlagensystemen, die kleiner und kostengünstiger ausge- legt werden können. Energieoptimierte Häuser - als Ergebnis eines integralen Planungsprozesses - mit Energie zu ver- sorgen, ist ohne Mehrkosten gegenüber den üblichen Hochbaukostenkennwerten realisierbar. Wie ist es möglich, solche nachhaltigen Gebäudekonzepte umzusetzen? INTERVIEW Hett_Mag_ Ausg_1_2011_1904.indd 10 21.04.11 13:46